
Das Kalenderblatt zum 8. Juni
“Schwarze Sonne”
“Sol negro”
“Black Sun”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Das Werk wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Die Sonne ist Sinnbild für Licht, Wärme und Leben, hier jedoch erscheint sie als dunkle Scheibe, schwer und geheimnisvoll, schwebend über einer Landschaft aus glühenden Rot-, Gold- und Ockertönen. Doch gerade in diesem Gegensatz entfaltet das Bild seine außergewöhnliche Kraft. Es erzählt von einem Licht, das nicht von außen kommt, sondern aus den verborgenen Tiefen des Seins aufsteigt.
Die schwarze Sonne ist kein Symbol der Finsternis, sondern ein Zeichen der Transformation. In vielen spirituellen und alchemistischen Traditionen steht sie für jene Phase, in der das Alte vergeht, Gewissheiten zerbrechen und der Mensch durch eine innere Nacht hindurchgehen muss. Sie markiert den Moment, in dem die äußeren Orientierungspunkte verschwinden und eine tiefere Wahrheit geboren werden kann.
Unter dieser geheimnisvollen Sonne erhebt sich eine Landschaft, die zugleich an Felsformationen, Ruinen, Tempel und ferne Städte erinnert. Nichts ist eindeutig, alles bleibt in Bewegung. Die Formen scheinen aus dem goldenen Hintergrund hervorzuwachsen, als würden sie gerade erst entstehen. Es ist eine Welt zwischen Werden und Vergehen, zwischen Erinnerung und Zukunft, zwischen Materie und Geist.
Das intensive Gelb durchdringt das gesamte Bild wie ein allgegenwärtiges Energiefeld. Es ist das Gold der Verwandlung, die Farbe des Bewusstseins und der inneren Erkenntnis. Die scheinbar dunkle Sonne steht nicht im Gegensatz dazu, sondern bildet ihr notwendiges Gegenstück. Erst durch die Begegnung mit dem Schatten wird das Licht erfahrbar. Erst wenn wir bereit sind, die unbekannten Bereiche unseres Inneren zu betreten, kann eine tiefere Form von Klarheit entstehen.
Die aufstrebende Struktur in der Bildmitte wirkt wie ein Turm, ein Berg oder eine spirituelle Achse. Sie verbindet Himmel und Erde, Dunkelheit und Licht, Ursprung und Ziel. Sie erinnert daran, dass jede Entwicklung ein Aufstieg ist, nicht weg von den Tiefen, sondern durch sie hindurch. Die wahre Höhe entsteht nicht durch Verdrängung des Schattens, sondern durch dessen Integration.
„Schwarze Sonne“ lädt dazu ein, die verborgenen Dimensionen des eigenen Lebens zu betrachten. Das Bild spricht von Wandlungsprozessen, von inneren Krisen, von Zeiten des Suchens und der Unsicherheit. Zugleich vermittelt es die Gewissheit, dass selbst in der dunkelsten Sonne ein verborgenes Licht ruht. Vielleicht ist genau das seine Botschaft: Dass hinter jedem Ende ein Anfang wartet, hinter jeder Nacht ein neuer Morgen und hinter jedem Schatten ein noch unentdeckter Schatz des Bewusstseins.
So wird die schwarze Sonne zum Symbol einer paradoxen Wahrheit: Das tiefste Licht offenbart sich oft dort, wo wir zunächst nur Dunkelheit vermuten.
